Einleitung: Generative KI im Unternehmen – Produktivitätsmotor mit systemischem Risiko

Die Integration generativer Künstlicher Intelligenz in bestehende Enterprise-Plattformen markiert einen technologischen Wendepunkt. Lösungen wie der in Microsoft 365 integrierte KI-Assistent eröffnen neue Effizienzpotenziale, automatisieren Wissensarbeit und vernetzen bislang isolierte Informationssilos.

Gleichzeitig entstehen neue, hochkomplexe Risikostrukturen. Der im Februar 2026 öffentlich gewordene Sicherheitsvorfall rund um den Microsoft 365 Copilot (interne Kennung: CW1226324) zeigt exemplarisch, dass klassische Datenschutz- und Sicherheitsmechanismen im Zusammenspiel mit Large Language Models (LLMs) an ihre Grenzen stoßen können.

Für Geschäftsführung und IT-Verantwortliche stellt sich damit eine zentrale Frage:
Wie belastbar ist die eigene Compliance-Architektur, wenn KI-Systeme bestehende Schutzmechanismen technisch umgehen oder fehlinterpretieren?

Anatomie des Vorfalls: Wenn Sensitivity Labels nicht mehr schützen

Im Kern handelte es sich nicht um einen externen Cyberangriff, sondern um einen internen Logikfehler in der Inferenz-Pipeline des KI-Systems. Der Copilot griff im „Work Tab“-Chat auf Inhalte aus „Gesendete Elemente“ und „Entwürfe“ zu – selbst wenn diese mit Sensitivity Labels wie „Streng Vertraulich“ versehen waren.

Kritischer Befund 🔍

  • Data Loss Prevention (DLP)-Richtlinien waren konfiguriert.
  • Sensitivity Labels waren gesetzt.
  • Dennoch wurden Inhalte verarbeitet und zusammengefasst.

Die KI interpretierte oder berücksichtigte die Metadatenkennzeichnungen nicht korrekt. Damit wurde die zentrale Compliance-Prämisse des Microsoft-Ökosystems temporär außer Kraft gesetzt: Dass jede Systemkomponente Klassifizierungen respektiert.

Technologischer Hintergrund: Retrieval-Augmented Generation (RAG)

Moderne Enterprise-KI basiert nicht auf dem Training mit Kundendaten, sondern auf der Architektur der Retrieval-Augmented Generation (RAG).

Vereinfacht bedeutet das:

  • Der Nutzer stellt eine Frage.
  • Der Microsoft Graph durchsucht relevante Unternehmensdaten.
  • Ein semantischer Index ruft passende Dokumente ab.
  • Diese Inhalte werden temporär in das Kontextfenster des LLM geladen.
  • Das Modell generiert eine Antwort.

Das entscheidende Sicherheitskriterium liegt in der Autorisierung der abgerufenen Daten. Der Vorfall CW1226324 zeigte jedoch eine gefährliche Diskrepanz:

Der Nutzer durfte die Inhalte sehen.
Die KI durfte sie laut Policy nicht extrahieren.
Der Systemfehler führte dennoch zur Verarbeitung.

Ergebnis: Damit entstand ein vertikaler Kontrollverlust innerhalb eines autorisierten Benutzerkontexts.

Risikoanalyse für Unternehmen

1. Amplifikationsrisiko durch „Oversharing“

In vielen Organisationen bestehen historisch gewachsene Berechtigungsstrukturen. Mitarbeiter verfügen häufig über mehr Zugriffsrechte als erforderlich.

Vor der KI-Ära blieb dieses Risiko latent. Mit generativer KI wird es systematisch sichtbar – und nutzbar.

Beispiel: Ein Abteilungsleiter fragt nach „Herausforderungen im letzten Quartal“. Die KI greift auf freigegebene HR-Ordner zu, verarbeitet strategische Personalinformationen und integriert diese in eine Management-Zusammenfassung.

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2. Information Spillage – Verlust des Schutzkontexts

Wenn eine KI Inhalte aus einem geschützten Dokument extrahiert und in ungeschützten Chat-Antworten wiedergibt, verliert die Information ihren technischen Schutzcontainer.

Das Label bleibt am Ursprungsdokument – nicht an der generierten Zusammenfassung.

Für Unternehmen bedeutet das:
– Verlust kryptografischer Kontrolle
– Unkontrollierte Weiterverbreitung
– Erhöhtes Risiko von Datenschutzverletzungen

🎯

3. Synergistische Bedrohungen: Prompt Injection

Der Vorfall offenbart strukturelle Schwächen gegenüber indirekten Prompt-Injection-Angriffen.

Ein präpariertes Dokument kann versteckte Anweisungen enthalten. Wenn die KI dieses Dokument als Kontext heranzieht, kann sie:

  • sensible Daten extrahieren
  • Prozesse manipulieren
  • automatisierte Aktionen auslösen

Prompts-basierte Sicherheit allein ist keine Sicherheit.

⚖️ DSGVO-Implikationen: Juristische Bewertung

Der Vorfall berührt zentrale Prinzipien der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO):

  • Zweckbindung und Datenminimierung (Art. 5 DSGVO)
    Vertraulich markierte Inhalte dürfen nicht automatisiert in anderen Kontexten verarbeitet werden.
  • Privacy by Design (Art. 25 DSGVO)
    Ein System, das Schutzmechanismen durch einen Bug außer Kraft setzt, stellt die technische Gewährleistung infrage.
  • Datenschutz-Folgenabschätzung (Art. 35 DSGVO)
    Der Einsatz generativer KI erfordert eine dokumentierte Risikoanalyse – inklusive systemischer Fehlerszenarien.

Darüber hinaus gewinnt der europäische AI Act erheblich an Bedeutung. Unternehmen müssen KI-Systeme kategorisieren, Risiken bewerten und Governance-Strukturen etablieren.

Die Einführung generativer KI ist damit nicht nur eine IT-Entscheidung, sondern eine strategische Compliance-Entscheidung.

Handlungsempfehlungen für Geschäftsführung und IT-Verantwortliche

Ein sicherer KI-Betrieb erfordert eine mehrschichtige Defense-in-Depth-Strategie.

1. Technische Architekturhärtung

  • Einsatz von Double Key Encryption bei besonders sensiblen Daten
  • Information Rights Management ohne EXTRACT-Rechte
  • Restricted SharePoint Search Mode
  • Zero-Trust-basierte Zugriffskonzepte

Ziel: Selbst bei Systemfehlern darf keine unautorisierte Verarbeitung möglich sein.

2. Forensische Überwachung

Die Auswertung von Audit-Logs muss KI-spezifisch erfolgen:

  • Monitoring von SensitivityLabelId
  • Analyse ungewöhnlicher Lesevorgänge
  • Integration in SIEM-Systeme
  • eDiscovery für KI-generierte Inhalte

Die Verweildauer von Fehlkonfigurationen darf nicht Wochen betragen.

3. Bereinigung von Oversharing

Vor der Einführung generativer KI sollte eine strukturelle Bereinigung erfolgen:

  • Review aller SharePoint- und Teams-Berechtigungen
  • Lifecycle-Management für Projektordner
  • Restriktiver Umgang mit Shared Mailboxes

Das Prinzip der geringsten Rechte ist zwingend durchzusetzen.

4. Organisatorische Governance

  • Durchführung einer Datenschutz-Folgenabschätzung
  • Abschluss einer KI-Betriebsvereinbarung
  • Klare Definition zulässiger Datenkategorien
  • Human-in-the-Loop-Prinzip bei sensiblen Inhalten
  • Regelmäßige Awareness-Schulungen

Technologie ersetzt keine Kontrollkultur.

Strategischer Ausblick

Der Vorfall CW1226324 ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Warnsignal. Generative KI wirkt als Multiplikator bestehender Schwächen – sowohl technischer als auch organisatorischer Natur.

Absolute Sicherheit bleibt eine Illusion. Beherrschbares Risiko hingegen ist realisierbar.

Unternehmen, die KI einführen, ohne ihre Datenarchitektur zu bereinigen und Governance-Strukturen zu stärken, setzen:

  • Geschäftsgeheimnisse
  • personenbezogene Daten
  • regulatorische Stabilität
  • und ihre digitale Souveränität

aufs Spiel.

Fazit für Entscheidungsträger

Generative KI ist kein optionales Innovationsprojekt, sondern eine strategische Infrastrukturentscheidung mit tiefgreifenden datenschutzrechtlichen Implikationen.

Wer KI verantwortungsvoll einsetzen möchte, benötigt eine robuste Sicherheitsarchitektur, ein belastbares Compliance-Konzept, eine klar definierte Governance-Struktur und kontinuierliche Risikoanalysen.

Nur so kann das Produktivitätspotenzial generativer KI genutzt werden, ohne die Integrität des Unternehmens zu gefährden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was genau ist beim Microsoft 365 Copilot Vorfall CW1226324 passiert?

Es handelte sich um einen internen Logikfehler im System. Der KI-Assistent griff im „Work Tab“-Chat auf Inhalte aus „Gesendete Elemente“ und „Entwürfe“ zu, ignorierte dabei jedoch gesetzte Sensitivity Labels wie „Streng Vertraulich“ und verarbeitete diese Daten unautorisiert weiter.

Warum ist „Oversharing“ im Zusammenhang mit KI so gefährlich?

In vielen Unternehmen haben Mitarbeiter historisch bedingt Zugriff auf mehr Daten, als sie für ihre Arbeit benötigen. KI-Systeme durchsuchen diese Daten in Sekundenschnelle und machen sie systematisch sichtbar. So können sensible Informationen unbewusst und unkontrolliert extrahiert und in Zusammenfassungen weitergegeben werden.

Was bedeutet „Information Spillage“?

Information Spillage beschreibt den Verlust des technischen Schutzkontexts. Wenn eine KI vertrauliche Inhalte aus einem geschützten Dokument liest und in einem ungeschützten Chat-Verlauf zusammenfasst, geht der Schutz (z.B. ein Sensitivity Label) verloren. Die Information kann sich dann unkontrolliert verbreiten.

Wie betrifft der Einsatz generativer KI die DSGVO?

Generative KI berührt mehrere Prinzipien der DSGVO, darunter die Zweckbindung (Art. 5), Privacy by Design (Art. 25) und die Pflicht zur Datenschutz-Folgenabschätzung (Art. 35). Wenn KI-Systeme Schutzmechanismen umgehen, wird die technische Gewährleistung des Datenschutzes infrage gestellt.

Welche ersten Schritte sollte die IT-Leitung jetzt unternehmen?

Es wird eine Defense-in-Depth-Strategie empfohlen: Härtung der technischen Architektur (z.B. Zero-Trust), forensische Überwachung von Logs, Bereinigung von historischen Berechtigungsstrukturen (Oversharing beenden) und die Etablierung einer klaren organisatorischen Governance inklusive Datenschutz-Folgenabschätzung.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff SIEM-Systeme?

SIEM steht für „Security Information and Event Management“. Diese Systeme sammeln und analysieren Sicherheitsprotokolle (Logs) aus verschiedenen IT-Systemen zentral und in Echtzeit. Im Kontext von generativer KI sind sie entscheidend, um ungewöhnliche Datenzugriffe, Anomalien oder potenziell unautorisierte Verarbeitung sensibler Informationen automatisiert zu erkennen und Alarm zu schlagen.